Ein Land, in dem die Zeit langsamer ging
Die Zips (slowakisch Spiš) ist eine Region, wie es sie sonst nirgends in der Slowakei gibt: sanft gewelltes Land unterhalb der Tatra, gesprenkelt mit mittelalterlichen Städtchen und gotischen Kirchen, und über allem die helle Silhouette einer Burg, die schon aus vielen Kilometern Entfernung auftaucht. Jahrhundertelang lebten hier Slowaken, Deutsche, Ungarn und Russinen Tür an Tür, und jeder hinterließ seine Spuren – die Zipser Sachsen prägten Städte und Handwerk. Das Ergebnis ist die dichteste Konzentration von UNESCO-Welterbe in der Slowakei, in einer Region, die angenehm ruhig geblieben ist, ohne die Menschenmassen von Český Krumlov oder Krakau.
Die Zipser Burg: ein steinerner Riese auf Travertinfels
Die Zipser Burg (Spišský hrad) steht seit 1993 auf der Welterbeliste der UNESCO – und das völlig zu Recht: Mit über vier Hektar Fläche gehört sie zu den größten Burganlagen Mitteleuropas. Seit dem 12. Jahrhundert krönt sie den Travertinfelsen über Spišské Podhradie; die Tataren konnten sie nie einnehmen, und ihre Befestigungen wuchsen mit jedem Jahrhundert, bis ein Brand die Burg 1780 verwüstete. Heute spaziert man durch das weitläufige Areal wie durch eine mittelalterliche Stadt – allein der untere Burghof hat die Ausmaße eines Fußballfeldes.
Der Eintritt kostet rund 10 Euro, der Besuch dauert zwei bis drei Stunden. Den Aufstieg auf den Hauptturm sollte man nicht auslassen: Das Panorama über Tatra, Slowakisches Paradies und die gesamte Zipser Senke gehört zu den schönsten Ausblicken des Landes. Fotografen kommen zum Sonnenaufgang, wenn die Burg über dem Morgennebel schwebt – das klassische Motiv gelingt vom Dorf Žehra oder von den Wiesen am Dreveník.
Spišská Kapitula: der slowakische Vatikan
Auf dem Hügel gegenüber der Burg liegt die Spišská Kapitula, ein befestigtes Kirchenstädtchen, das man nicht ohne Grund den slowakischen Vatikan nennt. Hinter den Mauern verbergen sich eine einzige Straße, zwei Reihen von Kanonikerhäusern und die romanische Martinskathedrale mit ihren beiden mächtigen Türmen aus dem 13. Jahrhundert. Bis heute ist sie Sitz des Zipser Bistums – und die Stille hier erlebt man im touristischen Hauptstrom nirgends: Gut möglich, dass Sie die ganze Gasse für sich allein haben.
Unterhalb liegt Spišské Podhradie, ein unscheinbares Städtchen und die ideale Basis: Vom Marktplatz erreicht man Burg und Kapitula zu Fuß, und die örtlichen Pensionen vermieten Zimmer ab etwa 40 Euro.
Žehra: Fresken, die Jahrhunderte überdauert haben
Nur wenige Kilometer von der Burg entfernt steht im Dorf Žehra die Heilig-Geist-Kirche – klein, weiß gekalkt, mit charakteristischem Zwiebeldach. Von außen ahnt niemand ihre Weltbedeutung, doch innen verbirgt sich ein Schatz: mittelalterliche Fresken aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, die die Wände wie eine Bilderbibel für des Lesens unkundige Gläubige bedecken. Die Kirche gehört gemeinsam mit Burg und Kapitula zum UNESCO-Eintrag; in der Saison öffnet sie täglich außer montags, der Eintritt ist symbolisch.
Leutschau: das Meisterwerk von Meister Paul
Eine halbe Autostunde von der Burg entfernt liegt Levoča, das alte Leutschau, seit 2009 ebenfalls UNESCO-Welterbe. Hinter gut erhaltenen Stadtmauern erstreckt sich ein Renaissanceplatz mit über fünfzig Bürgerhäusern, einem prächtigen Rathaus mit Arkaden und dem Schandkäfig, in dem einst Übeltäter zur Schau gestellt wurden. Der Hauptgrund der Reise aber steht mitten auf dem Platz: Die Jakobskirche birgt den höchsten gotischen Holzaltar der Welt. Rund 18,6 Meter hoch, entstand er in der Werkstatt von Meister Paul von Leutschau, geschnitzt aus Lindenholz ohne einen einzigen Nagel. Jahrelang arbeitete die Werkstatt daran, und das Ergebnis raubt einem bis heute den Atem – planen Sie Zeit für eine Führung ein, der Eintritt kostet etwa 5 Euro.
Praktische Informationen
- Standort: Spišské Podhradie oder Levoča für Atmosphäre, Poprad für Komfort und die Tatra-Anbindung – alles liegt maximal 30 Autominuten auseinander.
- Anreise: mit dem Auto über die Autobahn D1 (Abfahrt Spišské Podhradie), mit dem Zug nach Spišská Nová Ves oder Poprad und weiter per Bus.
- Zeitbedarf: Burg und Kapitula füllen einen Tag, Levoča mit Žehra einen zweiten. Ein Wochenende ist ideal.
- Preise: Burg rund 10 Euro, Jakobskirche etwa 5 Euro, Mittagessen im Lokal 8–12 Euro.
- Beste Zeit: Mai bis September; im Winter ist die Burg geschlossen oder nur teilweise zugänglich.
Die Zips beweist, dass die größten Schätze der Slowakei nicht nur in den Bergen liegen. Wer die Burg einmal aus dem Nebel hat auftauchen sehen und vor dem Altar von Meister Paul stand, versteht, warum die UNESCO hier gleich zwei Kapitel geschrieben hat.