Das kleinste Hochgebirge der Welt
Die Hohe Tatra misst von Ende zu Ende kaum 26 Kilometer – und bietet doch alles, was man von einem echten Hochgebirge erwartet: schroffe Granitgipfel, Gletscherseen, Wasserfälle und legendäre Berghütten. Das Dach der Slowakei und der gesamten Karpaten ist der Gerlachovský štít mit 2655 Metern, der allerdings nur in Begleitung eines Bergführers bestiegen werden darf. Geschützt wird das Gebirge vom TANAP, dem Tatra-Nationalpark, gegründet bereits 1949 und damit der älteste Nationalpark der Slowakei.
Der Reiz der Tatra liegt in der Mischung aus Wildnis und Komfort. Morgens fährt man mit der Elektrischen Tatrabahn durch Fichtenwälder, mittags isst man Krautsuppe auf einer Hütte in zweitausend Metern Höhe, abends sitzt man im Café von Starý Smokovec. Kaum irgendwo in Europa ist Hochgebirge so bequem erreichbar.
Lomnický štít: mit der Seilbahn auf 2634 Meter
Der zweithöchste Gipfel der Tatra ist zugleich der einzige, den eine Seilbahn erschließt. Von Tatranská Lomnica geht es zunächst hinauf zum Bergsee Skalnaté pleso, von dort schwebt eine kleine Kabine direkt auf den Gipfel des Lomnický štít (2634 m). Oben warten ein Observatorium, ein winziges Café und ein Panorama, das man nicht vergisst – bei klarem Wetter reicht der Blick weit nach Polen und hinüber zur Niederen Tatra.
Ein praktischer Hinweis: Die Kabine fasst nur wenige Personen, Tickets mit fester Uhrzeit sind in der Hochsaison oft Tage im Voraus ausverkauft – also online buchen. Die Berg- und Talfahrt ab Tatranská Lomnica kostet etwa 45 bis 55 Euro, oben hat man rund 50 Minuten Zeit. Genug für einen Kaffee mit der wohl besten Aussicht Mitteleuropas.
Štrbské Pleso und Hrebienok: Klassiker für alle
Das Štrbské Pleso (1346 m) ist der berühmteste See der Tatra und ein idealer Ausgangspunkt. Die Seerunde schafft jeder in einer halben Stunde, wer mehr will, wandert weiter zum Popradské pleso oder zum Wasserfall Skok im Mlynická-Tal. Im Winter ist der Ort ein Zentrum für Langlauf und Skispringen, im Sommer eine Promenade mit Blick auf das Solisko.
Der zweite klassische Einstieg ist der Hrebienok (1285 m), den eine Standseilbahn von Starý Smokovec aus erreicht. Von dort führt ein bequemer Weg zu den Wasserfällen des Studený potok – der Obrovský-Wasserfall und die Kaskaden darunter gehören zu den meistfotografierten Orten des Parks und sind auch mit Kindern gut machbar. Wer mehr möchte, steigt weiter zur Zamkovského chata und ins Tal Malá Studená dolina auf.
Rysy: der höchste Gipfel ohne Bergführer
Während der Gerlach den geführten Seilschaften vorbehalten ist, sind die Rysy (2503 m) der höchste Tatra-Gipfel, den man auf markiertem Weg selbstständig besteigen darf. Die klassische Route führt vom Štrbské Pleso über das Popradské pleso und die Chata pod Rysmi (2250 m), die höchstgelegene Hütte der Slowakei. Rechnen Sie mit 8 bis 9 Stunden hin und zurück und über 1100 Höhenmetern – Kondition ist Pflicht, technisch ist der Weg im Sommer aber nicht extrem.
Der Lohn: ein Gipfel direkt auf der slowakisch-polnischen Grenze mit Blick auf Dutzende Gipfel und Seen gleichzeitig. Schon zu Zeiten der Monarchie waren die Rysy ein Wanderklassiker – und bis heute eine Pflichttour für alle, die es mit der Tatra ernst meinen.
Eine Nacht auf der Hütte: Zbojnícka und Téryho
Die Tatra kennt nur, wer in ihr übernachtet hat. Die Zbojnícka chata im Tal Veľká Studená dolina und die Téryho chata in der Malá Studená dolina (2015 m) sind Legenden, in denen sich abends Wanderer aus ganz Europa beim Tee treffen. Ein Schlafplatz kostet etwa 25 bis 35 Euro, der Nachschub wird bis heute von Trägern hinaufgetragen, und reservieren sollte man Wochen im Voraus. Beide Hütten verbindet der anspruchsvolle Übergang über das Priečne sedlo – eine der schönsten gesicherten Passagen der Tatra, nur für Erfahrene mit Schwindelfreiheit.
Praktische Informationen
- Saison: Die Höhenwege oberhalb der Hütten sind per Gesetz vom 1. November bis 15. Juni gesperrt. Beste Wandermonate: Juli bis September.
- Anreise: Mit dem Zug bis Poprad-Tatry, weiter mit der Elektrischen Tatrabahn, die Starý Smokovec, Tatranská Lomnica und Štrbské Pleso verbindet. Das Auto besser am Park-and-Ride stehen lassen.
- Zeitbedarf: Ein verlängertes Wochenende zum Reinschnuppern, 4 bis 5 Tage für ein echtes Kennenlernen.
- Preise: Hotel ab etwa 60 Euro pro Nacht, Hütte ab 25 Euro, Tagesmenü im Tal 8 bis 12 Euro, Bahnfahrt ab 2 Euro pro Abschnitt.
Ein letzter Rat: Das Wetter in der Tatra kippt binnen Minuten. Früh aufbrechen, Prognose im Blick behalten und Nachmittagsgewitter niemals unterschätzen. Die Gipfel stehen auch morgen noch – Sie sollten dann nur nicht mehr auf dem Grat sein.